Interview mit Herrn Dekan Holger Milkau

Interview mit Herrn Dekan Holger Milkau

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Text und Foto: Zsuzsanna Bolla-Horváth
Budapest – Auf der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn bot sich die Gelegenheit mit Dekan Holger Milkau über seinen Dienst, die Veränderungen in seinem Leben, sowie die Unterstützung seiner Kirche und über 2017 zu sprechen.

– Achteinhalb Jahre waren Sie der leitende Geistliche der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien. Seit zwölf Jahren leben sie in Italien. Jetzt sind Veränderungen in Ihrem Leben eingetreten. Können Sie uns über diese erzählen?

– Bei uns hat die italienische Kirche verschiedene Dienstformen. Wir haben einerseits Pfarrerinnen und Pfarrer, die aus Italien kommen und Italiener sind oder schon lange in Italien leben. Dann gibt es zugleich Leute, wie ich, die für einen bestimmten Zeitraum aus einer deutschen Kirche in den Auslandsdienst gehen, in Gemeinden, wo sich viele deutschsprachige Menschen aufhalten. In der ungarischen lutherischen Kirche arbeiten auch Pfarrer, die aus Deutschland kommen und hier deutschsprachige Gemeinden leiten. Diese Auslandsrealität ist eine Ähnlichkeit beider Kirchen. Wenn jemand aus Deutschland in den Auslandsdienst geht, ist das für eine begrenzte Zeit. Es sind längstens zwölf Jahre, die gehen für mich dieses Jahr zu Ende.

2002 bin ich in den Auslandsdienst eingetreten und nach Italien gegangen. Jetzt im Jahr 2014 geht diese Periode zu Ende und ich werde zurück nach Deutschland gehen. Meine Arbeit in Neapel wird von meiner Nachfolgerin Kirstin Thiele übernommen. Sie wurde ernannt und gewählt. Die Aufgabe des leitenden Geistlichen, des Dekans der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien übernimmt nun nach seiner Wahl in der Synode Heiner Bludau aus Turin.

Ich selber habe mich– mit dem Wissen, dass diese Stelle zu Ende geht und eine neue Aufgabe auf mich wartet – in den letzten Monaten für eine Anstellung bei der evangelisch-lutherischen Kreuzkirche in Dresden beworben und bin dort in März gewählt worden. Am ersten August werde ich meine Aufgabe als Pfarrer der Kreuzkirche antreten.

– Werden Sie nachher immer noch Kontakt zu Italien halten?

– Ganz bestimmt, obwohl meine Aufgabe nur für eine gewisse Zeit galt. Wie gesagt, ich bin ja nur für eine begrenzte Zeit ausgeliehen. Aber man hat in den Jahren ganz viele Freundschaften und Bekanntschaften geschlossen, sowie Kontakte geknüpft. Da bin ich mir sehr sicher, dass die Kontakte aufrechterhalten werden, auch wenn ich in Sachsen sein werde.

– Wie finden Sie Ihre neue Aufgabe? Konnten Sie schon Einblick in das Gemeindeleben vor Ort erhalten?

– Bei der Vorstellung hatten meine Frau und ich die Gelegenheit die Gemeinde kennenzulernen. Besonders schön an den dortigen Aufgaben ist für mich, dass ich dort in eine sehr große und bedeutsame Kirche komme, in der das theologische Profil für mich eine große Herausforderung ist. Auch werden wir eine ganz wichtige Sprache der lutherischen Tradition antreffen, nämlich die Kirchenmusik und den Dresdener Kreuzchor. Beides spielt eine bedeutsame Rolle in der Gemeinde. Mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten und einen Beitrag für die öffentliche Rolle der Kreuzkirche zu leisten, darauf freue ich mich sehr.

Auch bereite ich mich auf das ganz normale Gemeindeleben vor: ich werde gern die Menschen besuchen, werde Unterricht für Jugendliche halten, werde gern mit ihnen Gespräche führen. Diese Gelegenheiten boten sich mir in den letzten achteinhalb Jahren meines Dienstes als leitender Geistliche eher selten. Und außer all dem freue ich mich auch auf Sachsen!

– In diesem Jahr leitete ich als Kommunikationsleiterin die sogenannte „Ein Prozent Kampagne” unserer Kirche, die für die Abgabe eines Prozents der Einkommenssteuer wirbt. In Italien haben Sie eine ähnliche Finanzierung durch die 8 X Mille, die ebenfalls durch eine wichtige Kampagne unterstützt wird. Können Sie uns sagen, welche positive Eindrücke Sie damit gesammelt haben?

– Die Kirchen in Italien, die ein Recht auf 8X Mille haben, sind verpflichtet alles öffentlich zu dokumentieren, weil die Menschen sehen wollen, zu was sie beitragen. Das fördert unsere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, denn wir haben relativ viele Kirchen. Je klarer die Steuerzahler wissen, was mit ihren Geldern passiert, umso mehr sind sie bereit einen Beitrag zu leisten.

In der Tat ist es so, dass die Abgabe der 8 X Mille in Italien Pflicht ist. Die Aufgabe der Kirchen und Religionsgemeinschaften ist es dafür zu sorgen, dass sie etwa durch besondere Programme überzeugen. Die lutherische Kirche in Italien ist keine Kirche, die unbedingt in Diakonie oder im sozialen Sektor besonders stark ist, sondern eher in den Bereichen Bildung und Kultur. Außerdem interessieren sich die Menschen für die Botschaft Martin Luthers. Wir sind also ein attraktiver „Anbieter“, der Menschen auf der intellektuellen Ebene etwas geben kann.

Darüber hinaus haben wir auf ethischer Ebene eine markante Meinung, zum Beispiel über das Ende und den Beginn des Lebens, über Lebenspartnerschaften, über Homosexualität, über sozialpolitische Alternativen, über moralische Öffnung oder über Ausgrenzung. Diese Themen haben in Italien ein bisschen für Aufsehen gesorgt, weil unsere evangelische Kirche eine ganz andere Auffassung als die römisch-katholische Kirche hat. Allein dass man über solche Dinge frei reden kann. Da muss ich sagen, haben wir gute Erfahrung gemacht, auch was die Werbung betrifft.

– Wir haben auch im Fernsehen, im Internet und auf Facebook, sowie in den U-Bahnen Werbung in verschiedenen Formen gemacht. Wie läuft das bei Ihnen?

– Wir hatten einen Graffiti-Spot gemacht, in dessen Bilderfolge genauer erklärt wird, warum wir lutherisch sind. Ein stilisiertes Bild zeigt eine Pfarrerin, und es wird erzählt, dass bei uns auch Frauen Pfarrerinnen werden können. Wir erklären warum ein Pfarrer verheiratet ist und dass wir Wert auf Familie legen.

– Also eigentlich ein Identitätskampagne?

– Ein bisschen. Man soll nur erkennen, dass es eine alternative zur römisch-katholischen Kirche gibt. Aber es ist auch wichtig zu zeigen, dass wir nicht nur modern, sondern durchaus traditionell und konservativ sind, damit die Menschen den Unterschied zu anderen Kirchen (Pfingstkirchen) erkennen. Das weckt das Interesse der Leute.

Wir machen auch Werbespots im TV und Radio. 

Die beste Werbung um solche Themen zu promoten ist jedoch meiner Meinung nach die Gemeinde selber. Grade die Leute vor Ort können andere Menschen besser erreichen in den Bereichen, wo sie die lokale Wirklichkeit besser kennen.

– Mit Blick auf 2017 würde ich gerne wissen, welche Rolle Ihre Kirche beim Gespräch mit der katholischen Kirche spielen kann? Kann sie eine Vermittlerrolle einnehmen? Wie bereiten Sie sich auf das Jubiläum vor?

– In der letzten Zeit haben sich viele Veränderungen ergeben. Die ELKI ist momentan damit beschäftigt, in der italienischen Öffentlichkeit bescheiden auf die Themenjahre hinzuweisen. Bei verschiedenen Gemeindeveranstaltungen und in internationalen Projekten arbeiten wir eng mit der Waldenser Kirche zusammen. Auch die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) ist involviert. Dies ist in solchen Ländern nötig, in denen die Lutheraner in der Minderheit sind. 

Mit der Römisch-Katholischen Kirche haben wir diesbezüglich deutlich weniger Kontakt, denn im italienischen Kontext ist dies deutlich schwieriger. Es hat sich jetzt jedoch ergeben, dass durch das von der GEKE (Gemeinschaft Evangelische Kirchen in Europa) geförderte Reformationsstädte Projekt auch Venedig und Rom einbezogen werden. 

Da habe ich zwar gemischte Gefühle, denn ich finde, dass Rom nicht wirklich als Reformationsstadt bezeichnet werden kann. Wenn außerdem die Römisch-Katholische Kirche 2017 für sich entdeckt, dann wird es keine lutherische Feier mehr werden, sondern eine des Vatikans.

Man muss sicherlich mit Bedacht auf Roms sein, aber gleichzeitig muss man sensibel sein, dass das Miteinbeziehen Roms die Besonderheiten der Reformation verdecken könnte. Ich finde es sinnvoll und erstrebenswert, dass wir als lutherische Partnerkirchen im süd- und osteuropäischen Raum uns gemeinsame Projekte überlegen und versuchen an dem geschichtlichen Prozess, der damals begonnen hat, zu erinnern. Mein Wunsch für 2017 wäre, dass diese Dynamik klarer vermittelt wird.

– Haben Sie den neuen Papst getroffen? Was denken Sie: können wir Fortschritte in der Ökumene machen?

– Das ist eine sehr ambivalente Frage. Ich finde es immer schwierig, wenn wir, als evangelische Kirchen daran gemessen werden, in welchem Verhältnis wir zum Papst stehen. Francesco habe ich persönlich noch nicht getroffen, aber ich habe an Veranstaltungen teilgenommen, bei denen er auch anwesend war, wie etwa die Gebetswoche für Einheit der Christen. Er ist deutlich weniger ein Papst der Riten, sondern mehr daran interessiert die Basis der katholischen Kirche neu zu entdecken. Ich sehe seine Bedeutung für die Römische Kirche besonders in der großen Akzeptanz, die er bei den Katholiken genießt. Ich sehe, dass sie sehr von ihrem Papst begeistert sind und sich freuen, dass sie jemandem haben, der unkompliziert und offen auch an die Fragen herangeht, die unbequem und unbeliebt sind. Die Haltung der Protestanten zum Papst als geistliches Oberhaupt der Christenheit ist eher zurückhaltend. Ich weiß nicht, in wieweit es dem Papst wichtig ist, seine Beziehungen zu den Kirchen der Reformation zu verbessern. Ich wünsche ihm dafür und für sein Amt das Beste.

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